Dr. Renate Wiehager
Rede anlässlich der Eröffnung der Kunstausstellung zur Auktion
„ES Hilft!“ am Sonntag, 23. Oktober 2005 im Schwörhaus
Esslingen
Herr Oberbürgermeister Zieger, meine Damen und Herren, wie sollen,
wie können wir uns stellen zu den Katastrophen, denen wir täglich
über die Medien konfrontiert sind? Resignieren? Trauern? Lamentieren?
Aufbegehren? Oder muß und kann ich meinem unmittelbaren Impuls folgen,
helfen zu wollen? Und wenn ich dem Impuls folge, dann schaue ich über
meinen Alltag hinaus und stelle fest, dass es meinen Freunden geht wie mir
– und dann kann es sein, dass so eine tolle Truppe zusammenkommt wie
die Initiative „ES Hilft!“. Und dann ist es gar nicht mehr so
schwer, mit ganz kleinen und kleinen und größeren Veranstaltungen
andere Menschen für die gute Sache zu gewinnen. Und das Mitfühlen
des Einzelnen ist plötzlich der unabdingbare Baustein für ein
Haus, das zu einem neuen Zuhause wird für die Kinder und Menschen in
den Krisengebieten in Asien oder Afrika oder Südamerika.
Meine Damen und Herren, im Kontext der vielfältigen Benefizveranstaltungen
von „ES Hilft“ seit Anfang des Jahres kommt der Auktion zeitgenössischer
Kunst am kommenden Sonntag besonderes Gewicht zu. Rund einhundert Menschen,
Künstler und Initiatoren, haben diese abschließende gemeinsame
Anstrengung von „ES Hilft!“ möglich gemacht. Und wir hoffen
auf viele, viele weitere Bürgerinnen und Bürger, die unsere Sache
zu der ihren machen und mit dem Erwerb von Kunst zur schnellen Vollendung
des Sozialheim Projektes in Sri Lanka beitragen.
Ermutigt zu der Idee einer Kunstauktion wurden die Initiatoren von „ES
Hilft!“ durch die gewachsenen Traditionen des Umgangs und der Auseinandersetzung
mit zeitgenössischer Kunst in Esslingen. Seit den 1950er Jahren wird
die Kunst hier auf hohem Niveau gesammelt, ausgestellt, angeboten, diskutiert:
hierfür stehen die Namen von Villa Merkel, Bahnwärterhaus, Schwörhaus,
Stadtmuseum, die Kreissparkasse, Esslinger kommerzielle Galerien und viele
andere kleinere Einrichtungen.
Als Friedhelm Röttger und ich gebeten wurden, als Kuratoren die Benefizauktion
zu betreuen, waren wir uns schnell einig, unter welchen vier Gesichtspunkten
die Auswahl der einzuladenden Künstlerinnen und Künstler erfolgen
sollte:
Zunächst haben wir in Esslingen lebende oder biographisch eng mit
der Stadt verbundene Künstler/innen angesprochen, hierzu gehören
etwa Günther Guben, Krishna Lahoti, Thomas Lang, Margarete Rebmann,
Margit Schranner und Volker W. Hamann, Hildegard Ruoff, Wolfgang Scherrieble,
Helmut Stromsky oder Hans Ulrich und viele andere.
Der über die Stadtgrenzen erweiterte Blick galt Künstler/innen
der Region Stuttgart wie Bettina Bürkle und Klaus Illi, Andreas Grunert,
Sandra Hastenteufel, Werner Lehmann, Eva Maria Reiner, Uwe Seyl, Hannelore
Weitbrecht, oder Andrea Zug.
Ein dritter Gesichtspunkt folgte dem von mir in den 1990er Jahren verantworteten
Ausstellungsprogramm der städtischen Galerien: so konnte man in der
Villa Merkel Künstler kennen lernen wie den georgischen Maler Gia
Edzgveradze, die ZERO Avantgardisten Jan Henderikse und Günther Uecker,
den Dresdner Maler Max Uhlig, die Stuttgarter Konkreten Künstler
Karl Duschek und Anton Stankowski oder die international renommierte Stuttgarter
Bühnenbildnerin Rosalie.
Frühe Auftritte im Bahnwärterhaus hatten Künstler wie Ossi
Fink und Rita Hensen, beide München; aus Stuttgart Gerhard Friebe,
Simone Westerwinter und Georg Winter; aus Wien Andreas Reiter Raabe; oder
aus Berlin Pietro Sanguineti.
Ein viertes Kriterium der Auswahl schließlich hat Friedhelm Röttger
mit einer Gruppe von Künstlern eingebracht, die in den 1960er/70er
Jahren Studenten an der Stuttgarter Kunstakademie waren: zu dieser Gruppe
gehören Rolf Altena, Curt Geiselhart, Johannes Hewel, Konrad Hummel,
Jürgen Palmtag, Volker Sammet und Wolfgang Werkmeister.
Zwei übergeordnete Gesichtspunkte kamen für die Künstlerauswahl
hinzu: es war uns Kuratoren ein Anliegen, das Spektrum zeitgenössischer
Techniken, Themen und Medien in möglichst großer Breite zu
zeigen. Und es sollte eine Ausstellung zustande kommen, die möglichst
viele Menschen anspricht. Das alles bei dem Grundsatz unbezweifelbarer
Qualität der eingereichten Arbeiten.
Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, mit Ihnen einen virtuellen Rundgang
durch die Ausstellung hier im Schwörhaus zu machen, so dass Sie ein
wenig die Schwerpunkte und thematischen Gruppierungen nachvollziehen können.
Auf der linken Wand hier im Hauptraum habe ich versucht, dem klassischen
Thema der Landschaft einen etwas hintersinnigen Esprit abzugewinnen. Die
knallbunten Hasen von Rosalie etwa – Sie kennen sie von der Landesgartenschau
Ostfildern – wetzen über einen Rasen, der durch Abdruck eines
knallgrünen Bodenbelags entwickelt ist. Daneben zieht ein von Yves
Noir fotografierter weiblicher Akt unsere Blicke auf sich, die Frau liegt
auf einem Holzboden, der sich in der Vorstellung zu einem Meereshorizont
weitet. Rechts davon verliert sich unser Blick in den vielfältigen
Details der nordischen Landschaften, die Wolfgang Werkmeister in minutiöser
Radiertechnik aufs Blatt gebracht hat. Die Reihe schließt mit den
floralen Mustern der Heilbronner Künstlerin Agnes Lörincz, die
zugleich überleitet zu einer kleinen Gruppe von Werken ehemaliger
Bahnwärterhaus-Künstler. „Home“ nennt etwa Kolpa
Abda sein Leuchtobjekt, das die Idee von Fenster, Wand, Boden in abstrakte
Flächen auflöst. Simone Westerwinter hat die Nachrichtenfotos
von Kindern im Umfeld der Tsunami-Katastrophe mit Tusche nachgezeichnet
und ihnen ein schlichtes „JA“ beigegeben – „JA“
für Leben, Bewusstsein, Mitfühlen, Denken.
Eine Art musikalische Meditation liest man in der reizvollen zarten Zeichnung,
die Ulrike Flaig beigesteuert hat – flankiert von nachdrücklich
politischen Arbeiten von Klaus Illi und Patricia London; letzere attackiert
scharf die Profiteure, welche aus dem Unglück anderer Gewinn zu machen
suchen.
Um die Ecke dann ein geistiges Gespräch dreier Künstler zum
alten kunsthistorischen Genre des Porträts: Silke Radenhausen hat
einen Klassiker der männlich dominierten modernen Kunst, ein Gemälde
von Alex Katz, in der weiblich tradierten Technik einer Leinwandcollage
umgesetzt. Gia Edzgveradze versucht mit sensibel gesetzten Zeichen in
weißer Farbmaterie eine Art Porträt seiner geistigen Verfassung
zu geben. Und Max Uhlig bringt in der Tradition Giacomettis die existenziellen
Energien Igor Strawinskis, nach einer Fotovorlage gearbeitet, als nervöses
Liniengeflecht zu Papier.
Es schließt sich an eine kleine Phalanx ungegenständlich-konstruktiver
Bildentwürfe. Karl Duschek interpunktiert das weiße Quadrat
der Leinwand mit farbigen Markierungen. Anton Stankowski, der 1998 in
Esslingen verstorbene Altmeister der Konkreten Kunst, ist mit einer ebenso
programmatisch wie spielerisch anmutenden Graphikserie vertreten. Diese
Grundüberlegungen werden aufgegriffen in benachbart hängenden
Werken der jüngeren Generation, Bettina Bürkle, Christa Winter
und Anita Stöhr-Weber.
In einen kuratorisch vielleicht etwas gewagten Dialog habe ich das kleinste
und das größte Blatt der Ausstellung gebracht: wie David und
Goliath hängen die abgedruckte Werkplatte aus dem Atelier von Mathias
Kunisch und die miniaturhafte Seriegraphie von Heribert Friedland Seite
an Seite. Ein eher geschwisterliches Nebeneinander versuchen im Vergleich
damit die rotkarierten Hemdcollagen von Eva Maria Reiner und die humoresk
anmutenden Igel von Rita Hensen.
Ein kurzer Blick noch in den Eingangsraum: ein charmanter Nachhall der
frühen Nachkriegsavantgarden wie Zero und Minimalismus ist mit dem
Ensemble der Werke von Günther Uecker, Jan Henderikse und Fritz Ruoff
präsent. Die Werkauswahl auf der langen Eingangswand hingegen inszeniert
einen offenen Dialog unterschiedlichster Auffassungen zum Thema Zeichnung:
Andreas Grunerts märchenhaft-dunkle Malerei auf Papier neben einer
Computerzeichnung von Pietro Sanguineti; Georg Winters Holzdruck eines
Ukiyo Camera Monitors neben der fotografisch dokumentierten Straßenzeichnung
von Andreas Schmid; Tobias Rehbergers gedrucktes 70er-Jahre-Ornament neben
dem verschwebenden Himmelblau in einem Aquarell von Anne Schneider.
Meine Damen und Herren, Sie sehen, es dürfte, es sollte eigentlich
für viele Menschen etwas dabei sein, die helfen möchten. Der
gewählte Modus der Auktion am 30. Oktober dürfte ein weiteres
dazu leisten, nicht nur passionierte Sammler und Kunstkenner anzulocken,
sondern auch Menschen mit schmalerem Geldbeutel für diese Benefizauktion
zu gewinnen: alle Werke – unabhängig von den zwischen 200 Euro
und 4000 Euro liegenden Marktwerten – werden mit 100 Euro Einstiegswert
aufgerufen. Da lässt sich also ein Schnäppchen machen und zugleich
ein wichtiger Baustein für das Leben eines Kindes in Asien beitragen.
Uns allen, die wir zum Zustandekommen dieser Benefizauktion beigetragen
haben, war es eine Herzensangelegenheit. Machen Sie, meine Damen und Herren,
sich das Gelingen zu Ihrer Herzensangelegenheit.
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